7. Anstand

Das vergessene Wort

Anstand oder Anständigkeit kommt von „anstehen, zaudern, zögern, innehalten“ (wer mit der Jagd vertraut ist, wird diesen Begriff auch kennen). Anstand oder Anständigkeit bedingt immer ein Gegenüber. Es ist eine Grundbedingung des Miteinanderlebens und Miteinanderumgehens. Wenn uns jemand sagt „wahre den Anstand“ bedeutet das „verletzte niemanden“. Es ist eine Aufforderung, den anderen  rücksichtsvoll, korrekt und mit Takt zu behandeln.

Vielfach höre ich, Anstand sei ja antiquiert und nicht mehr zeitgemäß. Hmmm. Ich fürchte, das ist leider wirklich so. Auch die 10 Gebote sind mehr oder weniger „Anstandregeln“. Ein Gefühl von Anständigkeit setzt voraus, dass ich über meinen eigenen Tellerand und mein eigenes Fühlen hinausblicke, dass ich empathisch bin und darauf achte, wie geht es dem anderen, was ist angemessen zu tun oder zu lassen. Jemanden anständig zu behandeln, setzt voraus, dass ich vorher innehalte und zaudere und mir die Zeit nehme, einzuschätzen was denn überhaupt anständig ist, dass ich vielleicht grundsätzlich überlege, ob es Werte gibt, die wichtig sind, nach denen ich mich zu richten bereit bin. Feingefühl und „gute Kinderstube“ haben sicher viel damit zu tun, ob ich mich mit Anstand benehme.

„Der Mensch darf niemals aufhören, Mensch zu sein. In aller Tätigkeit darfst du nie unpersönliche Energie, Ausführungsorgan irgend einer Sache, Beauftragter der Gesellschaft sein, sondern du mußt dich in allem mit deiner persönlichen Sittlichkeit auseinandersetzen, so unbequem, so verwirrend es für dich ist, und versuchen, in allem, was du tun mußt, nach der Menschlichkeit zu verfahren und die Verantwortung für das Los, das du einem andern Menschen bereitest, zu tragen.“

Das vergessene Wort

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