27.Woche – Das vergessene Wort

10. Kinderstube

Ich hoffe, wir alle hatten sie: eine gute Kinderstube! Wenn ich mich heute so umsehe, muss ich leider feststellen, viele Kids von heute haben, zumindest nach meiner Erziehung und meinen Benimmregeln, keine mehr. Wie auch, wenn deren Eltern weder die Tageszeiten kennen noch nennen möchten (sprich grüßen), Tür aufhalten ein No-Go, und alten Damen die Einkaufstasche hoch tragen eine veraltete Rarität geworden ist. Roller und Fahrräder schmeißt man natürlich mitten in den Hausflur oder besser noch: direkt vor die Haustüre. Dies soll heute kein Abhandlung über Erziehung und das weite Feld des Vorlebens und der Bildung für unsere jungen Sprösslinge sein. Aber ein wichtiger Hinweis, auf etwas das fehlt und das anscheinend ersatzlos gestrichen wurde.

Kinderstube, Das vergessene Wort

 

Kinder-STUBE? Wo kommt das Wort eigentlich her? Kinder = kleine, junge Menschen – Stube = Zimmer. Stube bezeichnet etymologisch einen warmen Wohnraum (das Wort ist verwandt mit engl. stove ‚Ofen‘). […] Insbesondere im Winter war die Stube oft das einzige beheizbare Zimmer und somit der Hauptaufenthaltsort der Bewohner und Familien. Je nach Umständen konnte die Stube ein eigenständiges Wohnzimmer, eine Wohnküche oder eine Küche sein. In einem traditionellen Bauernhaus diente sie neben der Repräsentation – hier wurden wertvolle Besitztümer, etwa Bücher, ausgestellt und man empfing hier Besucher – auch als Arbeitsraum. Weil es nur in der Stube warm war, wurden auch Kranke hier untergebracht und in besonders kalten Winternächten manchmal auch die Hühner. Althochdeutsch hieß es im 9.Jh.  „stuba“ und dies war ein ‘beheizbarer Raum‘

Stube bedeutet also: ein warmes Heim, ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit, etwas wo man Gesundheit, Wissen, leibliches Wohl und soziales Miteinander pflegt. Gibt es das heute noch in jeder Familie? Wo lernen unsere Kinder heute Manieren und Benehmen? Im Kindergarten? In der Schule? Zu Hause? Von ihren Eltern?

Unser Duden sagt zu Kinderstube:

„….im Elternhaus genossene Erziehung, die sich besonders in jemandes Benehmen und Umgangsformen erkennen lässt“

 

Keine gute Kinderstube haben, meint also ungehobelt oder unhöflich zu sein, ein schlechtes Benehmen zu haben bzw. die Umgangsformen lassen zu wünschen übrig.

„Wenn der Regen niederbraust, wenn der Sturm das Feld durchsaust, bleiben Mädchen oder Buben hübsch daheim in ihren Stuben.“

  • Die gute Kinderstube: die Bedingungen, unter denen jemand im Elternhaus erzogen wird, bzw. die guten Umgangsformen, die daraus resultieren

Die englische Wikipedia liefert noch einen interessanten Verweis: Es gab teilweise getrennte Schlaf- und Aufenthaltszimmer für Kinder, und im „Aufenthaltszimmer“ wurde tagsüber gespielt, gegessen und vermutlich auch gelernt/erzogen. Da dieses wohl beheizt war, wäre für die deutsche Sprache – falls es hier auch so war – die „Kinderstube“ als analoges Wort zu Stube für beheizten Aufenthaltsraum anzunehmen und die Gleichsetzung Kinderstube = Erziehung mithin nachvollziehbar, da dies nur in entsprechenden Kreisen anzunehmen ist.

In manchen Bundesländern und auch von vielen Groß- und Urgroßeltern kennt man vielleicht noch den einladenden Satz: herein in die gute Stube. Logisch – wenn ich mich in einen Raum bewege, in dem alle Haus- und Familienbewohner sich aufhalten, sich wärmen, sich unterhalten usw – was tue ich dann? Ich nehme Rücksicht, ich schaue vielleicht dass alle sich wohl fühlen können, ich „integriere“ mich in die Gemeinschaft und in diesem warmen heimeligen Raum. Ich polter nicht herein, schreie  nicht herum, dränge mich nicht in den Vordergrund und kicke womöglich noch den Opa vom Sofa, oder? Naja, hm…. Wenn ich es mir genau überlege, doch genau so erlebe ich es eigentlich oft….

„Es gibt drei Methoden, Kinder zu erziehen:
1. Durch Beispiel.
2. Durch Beispiel.
3. Durch Beispiel.“

Tztztz. *Kopfschüttel* – Wo haben die alle nur ihre gute Kinderstube?

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